Das nuklear verseuchte Wasser fliest weiter ins Meer hinaus, in den Abendnachrichten wird von verstrahltem Grüntee berichtet sowie von der beängstigenderweise unbeantworteten Frage was zu tun ist mit dem Material bei dem Strahlung nachgewiesen wurde. Das meiste davon wird in Plastik eingepackt und irgendwo gelagert, ein System oder gar geschützte Lager scheinen nicht oder nur begrenzt vorhanden zu sein.
Die Angst vor diesen Dingen hat sich jedoch einigermassen gelegt. Zumindest hier wo ich wohne, redet man trotz täglichen Meldungen selten über diese Dinge. Man hat einige Elemente von ihnen in seinen Alltag eingebaut aber lässt sich ansonsten nicht aus der Ruhe bringen. Strahlung im Meer von Hiratsuka und auch dem ganzen Rest der Präfektur Kanazawa nicht nachgewiesen. Trotzdem sind wie ich gehört habe etwas weniger Familien am Strand. Alles scheint normal zu sein, nur das Vertrauen wurde vielleicht ein wenig erschüttert.
Das Vertrauen in Japan von der Welt nicht allein gelassen zu werden und ein Teil einer globalen Gesellschaft zu sein, habe ich in Japan nie als besonders stark wahrgenommen. Wie auf einer Insel vielleicht üblich, nimmt man sich hier als fest zusammengehörende Gruppe in einer Welt voller fremder war. Der Unterschied zwischen einem Ausländer und einem Japaner ist viel größer als bei uns in Europa. Dieses schwache Vertrauen in den Rest der Welt wurde zusätzlich erschüttert durch die in Japan lebenden und arbeitenden Menschen aus dem Westen die sich bei den ersten Nachrichten von Problemen in Fukushima einfach aus dem Staub gemacht haben. Aus dem Wort „Gajin“ für Ausländer wurde „Flyjin“, bezeichnend für jener Teil der Fremden die ohne sich von ihren Freunden und Arbeitskollegen zu verabschieden in den nächsten Flieger in ihr Heimatland gesetzt haben.
Dies hat jedoch nicht unbedingt Misstrauen in den Rest der Welt ausgelöst, sondern nur die ohnehin schon große Distanz vergrößert. Wir in Europa sehen Japan oft als Teil der westlichen Gesellschaft, die Japaner hingegen sehen das nicht so. Sie sehen sich aber auch nicht als Teil Asiens Kultur. Nein, sie sehen Japan als etwas weit weg von allem anderen. Ich stelle mir dieses Weltbild furchterregend vor, doch für die Japaner ist es ganz natürlich. Man redet hier auch immer von Ausländern und benutzt nie all die netten Begriffe die wir erfunden haben um dieses Wort freundlich zu umschreiben. Weil man ist ein Fremder als Nichtjapaner in Japan und bleibt das auch.
Als ich heute mit meinem Gastvater einen kleinen Ausflug machen wollte, kamen wir nicht weiter als bis zum Bahnhof von Hiratsuka. Dort hatte jemand Selbstmord begangen, mitten in der Station. Mein Gastvater kam in der letzten Woche vier Mal später von der Arbeit nach Hause wegen Vorfällen dieser Art und dann beginnt auch noch jemand Suizid wenn er am Wochenende einen Ausflug machen will. Etwas leid tat er mir schon.
Wir machten uns dann auf den Weg zum nächsten Rentall Videoshop um uns ein paar Filme auszuleihen. Ich habe dann noch einen Delikatessenladen gefunden wo es Greyezer und Sauerkraut gab und habe mir dies zum Anlass genommen eine Art Bernerplatte mit einem Käseplättchen als Nachtisch für meine Gastfamilie zu kochen. Die Kinder mochten natürlich weder Sauerkraut noch Salzkartoffeln, dafür jedoch das Feigen- und Rosinenbrot welches ich ebenfalls noch auftreiben konnte. Und alle haben sich gefreut.
Nun bin ich schon zwei Wochen in Tokio zurück und habe mich sehr gut wieder eingelebt. Wir machen richtig viel hier. Letztes Wochenende war ich fischen und auch meine Arbeit im Kindergarten macht mir Spass. Am Freitag haben wir im Kindergarten Camp gespielt am Abend. Alle Kinder durften um ein Feuer am Pausenplatz sitzen, Lieder singen und Eintopf essen. Mir kam es lustig vor das japanische Kinder diese Dinge spielen, die wir wirklich machen, im Wald und ohne Absperrzone um das Feuer herum. Es ist nicht so das es hier keine Natur geben würde, doch irgendwie haben die Japaner eine gewisse Distanz zu ihr. Woher das kommt verstehe ich auch nicht so ganz. Jedenfalls dachte ich mit einem Mal an meine Vorschulzeit zurück und wie ich damals fast jeden Tag Feuer gemacht haben, dort vor dem Gartenhaus.




















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